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Warum du deinen neuen Job noch nicht auf LinkedIn gepostet hast  

Warum entwickeln wir trust issues am Arbeitsplatz – und was haben eigentlich unsere Vorgesetzten damit zu tun?

Liebe B.,

ich bin seit sieben Monaten bei meinem neuen Arbeitgeber angestellt. Soweit läuft alles gut. Ich bekomme positives Feedback, man schätzt meine Leistungen und ich fühle mich wohl. Trotzdem habe ich meinen LinkedIn-Status noch nicht geändert. Ich warte immer noch darauf, dass plötzlich etwas Schlimmes passiert und ich doch noch gekündigt werde. Das kann doch nicht gut gehen, oder?

Verunsicherte Grüße,

H.

Hallo H.!

Ich verstehe dich sehr gut. Seinen LinkedIn-Status zu ändern kommt heute quasi dem Commitment einer festen Beziehung gleich. Etwas, das die meisten Millennials meines Umfelds auch nicht mehr vor einer sehr ausgiebigen Dating-Phase eingehen wollen.

Du weißt schon, Red und Green Flags auschecken. Schauen, wer den letzten Bissen auf dem Teller isst beziehungsweise übriglässt oder morgens statt zu kuscheln lieber um sechs Uhr zum Frühsport geht (Dealbreaker, wenn du mich fragst).

Die sechsmonatige Probezeit gilt heutzutage nicht nur für dein Arbeitsverhältnis, sondern auch für Menschen, die du in dein Leben lässt.

Als gebrannte Kinder sind wir doch inzwischen alle vorsichtiger geworden, oder? Die Frage ist, wann trust issues pathologisch werden, und wann sie berechtigt sind.

Bixe Jankovska

Trust issues im Job – ob berechtigt oder nicht – können dann so aussehen:

  • Panische Angst vor dem Weekly mit der Vorgesetzten
  • Darauf warten, gekündigt zu werden
  • Seinen Freunden nicht vom Jobwechsel erzählen
  • Weiter nach Jobs Ausschau halten
  • Seinen LinkedIn Job-Status nicht ändern
  • Sätze denken wie: „Zu Weihnachten bin ich doch eh längst weg“
  • Masking gegenüber Kolleginnen
  • Selbsthass und Selbstzweifel
  • Gefühlsschwankungen
  • Unsicherheit

Um ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern: Meistens habe ich diese Gefühle und Verhaltensweisen nicht „einfach so“ entwickelt. Sie waren eine Reaktion auf teils toxische Arbeitsumgebungen, inkonsistente, narzisstische Vorgesetzte (another topic) oder ein generelles Gefühl von „Fakeness“, das sich in der Kommunikation widerspiegelte.

Ich habe schon oft Gespräche antizipiert, bevor sie stattfanden; habe schon oft nach wenigen Wochen gewusst, dass ich hier unter diesen Bedingungen nicht mein wahres Ich to the table bringen kann. Das wurde dann schnell belastend. Oder, anders gesagt:

Kein Wunder vertraust du deiner Vorgesetzten nicht, wenn sie jede Woche random etwas anderes von dir möchte und dir keinerlei Autonomie einräumt. Denn das signalisiert dir Impulsivität und Kontrollverlust – und das wiederum signalisiert deinem Unterbewusstsein eine mögliche Kündigung, auf die du keinen Einfluss hast.

Kein Wunder schaust du weiter online nach Jobs, wenn dein Projekt so chaotisch läuft, dass du das Vertrauen in die Führungskräfte verlierst. Das Projekt gibt dir in professioneller Hinsicht keine Stabilität, also warum solltest du in deinem Innersten welche empfinden? Du bist nicht naiv.

Kein Wunder hast du Angst vor einem Gespräch mit deinem Vorgesetzten, wenn es dabei nur um Oberflächlichkeiten und deine Performance geht. Das ist keine Atmosphäre, in der sich irgendwer sicher fühlen kann. Wenn du lediglich eine Nummer bist und auf deine Verkaufszahlen reduziert wirst, warum solltest du dann ausgerechnet in dieses Unternehmen Vertrauen haben?

Vertrauen ist nicht einfach „da“. Vertrauen wird über Zeit aufgebaut. Gerade in einer schnelllebigen „Du bist dann mal weg“-Business-Welt ist es mehr als nachvollziehbar, nicht mit Vertrauensvorschüssen um sich zu schmeißen. Statistiken zufolge scheitert in Deutschland jedes fünfte Arbeitsverhältnis innerhalb der ersten sechs Monate.

Auch interessant: Das Umfeld. Wenn du jeden Monat beobachtest, dass x Leute kündigen oder gekündigt werden, denkst du dir irgendwann bestimmt: „Als nächstes bin ich dran.“ Wer könnte es dir verübeln?

Und deshalb sage ich: Meistens – nicht immer though – ist die Unternehmenskultur dafür verantwortlich, dass du trust issues entwickelst, weil sie dir kein Gefühl von Sicherheit, Stabilität, Zusammenhalt und Zukunftsperspektive bietet.

Bixe Jankovska

Dein Impuls, deinen LinkedIn-Status nicht zu ändern, ist dann imho gerechtfertigt. Schließlich möchtest du erst dann „official“ werden, wenn es sich für dich richtig anfühlt. Und wenn dir dein Gegenüber bisher nicht das warme Gefühl von absolutem gegenseitigem Vertrauen gegeben hat, so why bother?

Anders sieht es aus, wenn du ein gutes Verhältnis zu deinem Boss hast, gerne mit deinen Kollegen nach der Arbeit Badminton spielen gehst, die Probezeit überstanden und auch sonst viel Kontrolle in deinen beruflichen Angelegenheiten hast. Dann könnte es sein, dass da mehr dahintersteckt. Etwas, das du unbedingt mit einer ausgebildeten Psychotherapeutin besprechen solltest.

So oder so: Du bist nicht verrückt, weil du trust issues auf deinem Arbeitsplatz hast.

Sehr wahrscheinlich hast du einfach viele, schlechte Erfahrungen gemacht. Oder, du hast ganz einfach keinen Bock auf den Laden, und suchst bereits nach Fluchtmöglichkeiten.

Danke, Kapitalismus.

Why You May Have Trust Issues and How to Overcome Them

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Von Bianca Jankovska

Bianca Jankovska ist Kommunikationswissenschaftlerin und Wirtschaftsjuristin by Abschluss, Autorin und Philosophin by heart. Sie ist Gründerin des Magazins Groschenphilosophin - das erste Mag zur politischen und psychosozialen Dimension von Social Media, Spätkapitalismus und Popkultur.