Kategorien
kündigen

Dealbreaker Remote Work: Wenn sie remote arbeitet – und er nicht

Ist es möglich, eine gesunde Beziehung zu führen, wenn ein Partner remote arbeitet – und der andere nicht?

Liebe Bixe! Ich bin Anfang 30 und habe einen Remote-Job in einer PR-Agentur, der es mir theoretisch erlaubt, von überall aus zu arbeiten. Ich träume schon länger davon, einen Teil meines Lebens im Ausland zu verbringen – aber ich bin mir nicht sicher, wie ich Remote Work mit meiner Beziehung vereinbaren kann.

Glaubst du, es ist möglich, eine Beziehung zu führen, wenn eine Person einen Remote-Job hat, während die andere Person einen traditionellen Job ausübt? Liebe Grüße, F.

* * *

Liebe F.!

Weißt du, ein bisschen freue ich mich ja über dieses „Problem“. Denn es zeigt, wie weit wir seit Beginn der Pandemie in Punkto Remote-Work gekommen sind. Firmen erlauben ihren Mitarbeitern inzwischen mehr Freiheiten denn je – und du bist eine dieser glücklichen Arbeitnehmern.

Ein paar Zahlen gefällig? 2021 arbeiteten 24,8 % aller Erwerbstätigen in Deutschland von zu Hause aus (und könnten damit theoretisch auch große Teile ihres Lebens im EU-Ausland sitzen). Dieser Anteil hat sich gegenüber dem Vor-Corona-Niveau fast verdoppelt. Oder, anders gesagt: Als ich 2015 meinen ersten Vollzeitjob im Journalismus antrat, musste ich noch um einen halben Homeoffice-Tage betteln – und habe unter anderem auch deshalb gekündigt, weil ich nicht von dort aus arbeiten konnte, wo es meinem Gehirn gut getan hätte. 

Remote Work Beziehung in der Popkultur

Auch in der aktuellen Staffel von „Love is Blind“ spielt das Thema Remote Work und Beziehung erstmalig eine Rolle. Während Wissenschaftler Paul nur ein paar Tage pro Woche Home-Office machen darf, arbeitet Micah – ich zitiere – „100 % remote“. Für 67% der Arbeitnehmer weltweit ist der größte Vorteil von Remote Work die Möglichkeit, einen flexiblen Zeitplan zu haben, knapp gefolgt von der Ortsunabhängigkeit (62%). Na klar kommen da für Paare unterschiedlichste Fragen auf, die sich auf den neugewonnenen Lifestyle beziehen.

  • Wo werden wir langfristig leben – wenn du 100 % remote arbeitest?
  • Hast du Lust, mit mir zusammen zu sein, wenn ich nicht mit dir kommen kann?
  • Wo bleibe ich in dieser Beziehung?
  • Und: Was macht deine Freiheit mit unserer Zukunft?

Ich denke, das alles sind legitime Fragen, die im Zuge der digitalen Arbeitsumkrempelung für viele Paare früher oder später aufkommen werden. Besonders dann, wenn ein Partner „fully remote“ geht und der andere Partner bei Dauerregen aus dem Fenster starrt (Stichwort: Deutschland-Depression und so).

Wichtig ist, wie ihr als Paar damit umgeht. Ich bin sicherlich keine Paartherapeutin, habe aber schon ganz gute Erfahrungen mit Darüber-Reden gemacht. Wichtig ist imho, die Ängste des anderen zu erkennen und ernst zu nehmen. Hat dein Freund Angst, du könntest ihm abhandenkommen? Und falls ja, wie kannst du dem entgegensteuern?

Gleichzeitig musst du dich fragen, welches Leben du dir wünscht und welche Träume nicht verhandelbar sind.

Bixe Jankovska

Möchtest du fortan auf einer Insel in Thailand leben, während er gerne im Ruhrpott kellnert, könnte es in Punkto Vereinbarkeit und Werte wirklich schwer werden. Vielleicht wäre in diesem Fall Italien (oder so) eine bessere Option. So könnte er immerhin am Wochenende vorbeikommen und dich mit Pizza füttern.

Wie du siehst: Das Ergebnis eures Deals wird von unterschiedlichen Faktoren abhängen. Unter anderem nämlich auch: deiner Kompromissbereitschaft. Schließlich bist du diejenige, die mehr Freiheiten genießt. Du kannst weg – er nicht. Damit hast du auch die Kilometer in der Hand, die euch trennen.

Eine Beziehung sollte nicht am Remote Job scheitern

Ich finde: eine gesunde Beziehung sollte nicht an Remote Work scheitern. Auch, wenn es wirklich nerven kann, der einzige Remote-Worker in einer Beziehung zu sein – und wegen der Liebe Abstriche zu machen, abends am Telefon zu hängen und auf seinen Karrierewechsel zu warten.

Wenn ihr euch wirklich gerne habt, werdet ihr es trotzdem schaffen, euch regelmäßig zu sehen und auch in dieser Situation Routinen zu entwickeln. Du musst ja nicht 365 Tage im Jahr ans andere Ende der Welt ziehen. Naja, außer du möchtest das wirklich unbedingt. Dann steht dein Wunsch Auszuwandern über deinem Bedürfnis nach Beziehungssicherheit in Germany. Beides ist: fair enough und sollte dementsprechend kommuniziert werden.

Remote Work und Beziehungen: meine Erfahrung

Ich bin jedes Jahr mehrere Wochen am Stück im Ausland, um dort zu leben und zu arbeiten. Mein absolutes Nicht-Seh-Limit sind vier Wochen, danach werde ich unrund. Also planen wir im Voraus. Wann hat er Zeit, zu kommen? Wie lange bleibe ich maximal weg, bevor ich wieder zurück nach Berlin kehre? Welche Freiheiten gönnen wir uns in der jeweiligen Abwesenheit? Stichwort: Non-Monogamy.

Ich will ganz ehrlich zu dir sein: Remote zu arbeiten ist großartig und ich möchte nie, nie, nie wieder zurück in feste Office-Strukturen. Remote Work hat mir die Chance gegeben, so lange weg sein zu können, wie ich will und Länder nicht nur als Touristin kennenzulernen.

Habe ich deshalb eine Beziehung oder meine Home-Base aufgegeben? Nein. Möchte ich gänzlich ohne Adresse sein? Auf gar keinen Fall. Die Vorstellung, nur noch aus Koffern zu leben, gives me anxiety. Weißt du, vielleicht ist es auch ganz schön, deinen Freund als einen Anker zu begreifen, der dich mit deiner (Wahl)heimatstadt verbindet.

Er muss ja nicht wie ein angebundener Hund zuhause auf dich warten, genauso wie du nicht jeden Moment deines Auslandsaufenthaltes live mit ihm teilen musst.

Bixe Jankovska

Aber, und da musst du mir wirklich vertrauen: es ist schön zu wissen, dass jemand da ist, wenn du die Tür öffnest.

Fazit Remote Work Beziehungen? Redet über eure Vorstellungen, Wünsche und Ängste. Definiert eure „Maximal nicht sehen“-Zeitspanne und euer „Uns trennende Kilometer“-Limit. Organisiert seine Urlaube um deine Auslandsaufenthalte herum, sodass er dein neues Leben kennenlernen kann.

Zieh den Radius für’s Erste etwas Kürzer, wenn du auf Nummer sicher gehen und im Notfall wieder schnell nach Hause fliegen willst.

In dem Sinne: Loosen your seatbelt! Es wird spannend.



B.

Du möchtest mir eine Frage zum Thema Arbeiten, Kündigen, Wegziehen, Remote und Co. stellen? Dann schreib mir doch eine DM auf Instagram.

Von Bianca Jankovska

Bianca Jankovska ist Kommunikationswissenschaftlerin und Wirtschaftsjuristin by Abschluss, Autorin und Philosophin by heart. Sie ist Gründerin des Magazins Groschenphilosophin - das erste Mag zur politischen und psychosozialen Dimension von Social Media, Spätkapitalismus und Popkultur.

Eine Antwort auf „Dealbreaker Remote Work: Wenn sie remote arbeitet – und er nicht“

Ein herzliches Dankeschön für deinen herausragenden Beitrag! Dein Schreibstil ist nicht nur eloquent, sondern auch einfühlsam. Du schaffst es, den Leser auf eine Reise durch das Thema mitzunehmen und dabei sowohl informativ als auch unterhaltsam zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert